„Ich dachte, Berlin ist eine Weltstadt.“

IMG_6129

Mit ein bisschen Selbstüberwindung und ein bisschen „Ach, scheißegal, mich kennt hier eh keiner“ war ich gestern in Berlin und führte ein wenig Smalltalk mit irgendwelchen Leuten. Grund dafür ist hauptsächlich Langeweile, aber auch – wie pathetisch es schon fast klingt – ein wenig Sinnsuche. Jedoch nicht auf verzweifelter Art und Weise und keineswegs depressiv zu deuten, viel mehr die Lust, dem mehr oder weniger – trotz verkorksten Schlafrhythmus – routinierten Alltag zu entgehen. Und weil Abenteuer nicht auf einen zugehen und fragen, ob man denn nicht vielleicht Lust drauf hätte.

Ich habe nichts gegen eine Routine, ich habe nur etwas gegen dieses Seifenblasengefühl, welches sich derzeit in meinem Kopf breit macht und alles schon wieder zu bequem macht. Seifenblasen geben einem Sicherheit, lassen alles schneller überwinden und belanglosere Probleme zum größeren Hindernis werden – alles gut und schön, aber sie geben neuen Dingen nicht so viel Raum oder lassen sie erst gar nicht rein. Und dann tritt plötzlich das Verpassensgefühl ein und mit ihm der Drang, aus der Seifenblase herauszutreten. Wenigstens kurz. Solange man noch die Möglichkeit dazu hat.

/

Wir waren im Viktoriapark, satt gegessen und ein wenig vom Fußmarsch erschöpft, als wir uns eine Bank suchten, nahe diesem künstlichen Wasserfall, und uns schräg gegenüber ein alter Herr allein auf der Parkbank saß. Der Anblick hatte etwas Typisches, das für die Realität allerdings schon wieder untypisch war. Normalerweise sieht man nur irgendwelche Touris rumrennen, ebenfalls erschöpfte Pärchen, die sich auf der Parkbank kurz ausruhen. Der alte Herr mit seinen weißen, zerzausten Haaren allerdings saß dort in aller Ruhe, als ginge ihn alles nichts mehr an, nahm manchmal einen Schluck aus der Weinflasche, die neben seinen Füßen stand, und starrte gedankenverloren in die Leere.

Ich hatte nun die Wahl: Entweder verpasse ich hier eine interessante Person oder irgendeinen verrückten Psychopathen. Letzteres ist der minimale Risikofaktor, der sich hinter jeder fremden Person verbirgt.

„Was soll’s!“, dachte ich und ging schließlich nach längerem Zögern auf ihn zu.

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“

Er lachte leicht auf: „Wenn sie nicht zu schwer ist!“

„Gut. Was gibt Ihrem Leben einen Sinn?“

Er lachte noch mehr auf, schien verwirrt. Verständlich.  „Sinn? Es gibt keinen Sinn! Das ist doch alles Professoren-Gewäsch!“

„Aber warum sterben Sie dann nicht?“

„Tue ich doch gerade. Ich bin 80 Jahre alt. Ich lebe vielleicht noch ein, zwei Jahre.“

Wir kamen vom Thema „Sinn“ ab, die Verwirrtheit über mein plötzliches Auftauchen mit solch indiskreten Fragen legte sich und es stellte sich heraus, dass dieser alte Herr Künstler ist. Er stellte schon in Paris und London aus, reiste viel in Europa herum und lebte auch für einige Jahre in Frankreich und anderen Ländern. Er sprach viel von seiner Freundin, die seit 15 Jahren in Taiwan lebt und die er nur alle paar Monate kurz sieht. Er war noch nie in Asien, würde gerne nach Japan reisen, denn er bewundert vor allem die Tuschmalerei, doch es fehlt das Geld und sein alter, gebrechlicher Körper mache das nicht mehr mit. Aber wenn, würde er niemals fliegen, sondern mit einem Frachtschiff dorthin reisen, zwischendurch wolle er dann auch aussteigen und die Landschaft auf dem Weg betrachten. Er findet weder Kapitalismus noch den Bolschewismus gut. Berlin sei ihm zu provinziell, aber er versucht trotzdem noch eine Ausstellung zu arrangieren – vielleicht.

Wir redeten insgesamt eine 3/4 Stunde, bis ich los musste. Ich fragte, ob ich noch ein Foto von ihm machen könnte, „Wenn es denn sein muss!“ und erinnerte ihn daran, vielleicht doch noch seinen letzten Traum zu erfüllen.

2 Kommentare

  1. Irgendwie ein nettes Interview. Ich glaube, mich würde es auch erst ein wenig Überwindung kosten, aber wenn man das erstmal geschafft ist, geht es, glaub ich :) Schön auch, dass du ein Foto machen konntest. Oh, und, das neue Design hier gefällt mir :)

Schreib was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s