Übers Handeln zum Sein

Dasdas, das, das und das gelesen, für ziemlich gut empfunden, inspiriert und motiviert gewesen, dann angefangen zu schreiben. Ein kleiner Ausschnitt aus 16 Jahren, 3 Monaten und 7 Tagen.

19:28 Uhr, 26.11.12

Ich finde, Latein ist die perfekte Mischung aus Sprache und Mathe. Ich mag Mathe, aber nur wegen des Systems, das man bei allen Gleichungen anwenden kann und wie alles aufeinander aufbaut. Ich brauche mehrere Schritte, um eine simple Rechenoperation durchzuführen und konnte es kaum erwarten, bis wir den Taschenrechner benutzen durften. Mir fällt Sprache leicht und gleichzeitig schwer. Ich kann sie nicht sprechen, nicht mit ihr kommunizieren, aber sie schnell erlernen, schriftlich anwenden und sie analysieren. Ich kann Sprache nicht ästhetisch umsetzen, aber beherrsche Rechtschreibung und benutze den Genitiv.
Ich mag den Geruch von frisch gemähtem Rasen und Regen auf Asphalt, aber nicht den von Tankstellen.
Ich war ein Fernsehkind und kenne doch nicht so viele Serien. Ich kann mir Horrorfilme nur anschauen, weil ich mich über sie lustig mache und vorstelle, wie viel Aufwand es gewesen sein muss, die ganzen Effekte hinzubekommen.
Ich spreche Deutsch viel besser als meine Muttersprache, würde aber manchmal am liebsten gar nicht sprechen. Ich weiß nicht auf alles eine Antwort und höre deshalb nur zu und sage nichts.
Ich finde Menschen unheimlich interessant, mag es nicht, sie auf wenige Eigenschaften zu reduzieren oder zu verallgemeinern und möchte ihre Handlungen nachvollziehen, verstehen können. Ich verallgemeinere sie einfachhalber trotzdem oft. Ich bin gern allein. Ich kann mit den meisten Menschen keine langen Gespräche führen. Ich mag es, wenn man mit Leuten auch schweigen kann. Ich würde gerne all den Menschen, die ich interessant finde, mitteilen, dass ich sie interessant finde. Ich mag es nicht, wenn Menschen mir mehr bedeuten als ich ihnen.

Ich habe keine Lieblingsfarbe, bevorzuge höchstens bestimmte Farbkombinationen und fand es als Kind unlogisch, dunkelblau nicht zu mögen, wenn man hellblau mag. Ich habe jahrelang darauf rumgeritten, dass meine Haare nicht schwarz sind, sondern nur ein sehr dunkles Braun haben.
Ich beharre bei Diskussionen auf das, wovon ich nicht wirklich überzeugt bin und entferne mich unsicher von eigenen Aussagen, die eigentlich richtig waren.
Ich finde es nahezu unglaublich, wie wir uns durch Logik alles erklären können und was wir damit bisher erschaffen konnten, weshalb ich denke, dass da noch so vieles möglich ist. Ich finde, dass noch viel Potenzial im Traum steckt und glaube, dass es sicher möglich ist, eine neue Wirklichkeitsbene1 zu erschaffen, könnte man die Gedanken mehrerer Menschen miteinander verknüpfen. Und vielleicht gab es das so ähnlich schon in Inception. Ich finde, dass manches zu sehr voneinander differenziert wird wie Gefühle vom Verstand. Ich glaube nicht an Gott oder Schicksal, habe jedoch eine Kinderbibel im Regal zu stehen, die ich mir mit acht oder neun durchlas. Später betete ich regelmäßig vor dem Schlafengehen, aber bin nach und nach dazu umgestiegen, meinen verstorbenen Großvater zu bitten, er solle doch auf alle aufpassen. Ich finde Glauben gut, weil Menschen in schweren Lebenslagen daraus Kraft schöpfen können, aber eigentlich schlecht, weil die meisten Glaubensrichtungen intolerant sind und viel zu sehr missionieren.

Mit sieben Jahren wollte ich ein Auto konstruieren, welches Energie aus gefallenen, also getrockneten, Laubblättern gewinnt, da Blätter mir als Endlosvorrat schienen, wenn man ständig Bäume einpflanzen würde, die gleichzeitig Sauerstoff produzieren. Ein Freund machte mir sieben Jahre später diese Vorstellung kaputt.

Ich fragte mich schon immer, wie es wäre, eine ganz andere Person zu sein. Es fasziniert mich, wie umfangreich ein Leben sein kann und das alles aus einer anderen Sicht zu erleben. Später fiel mir auf, dass es gar nicht funktionieren würde, da man gar keinen Vergleich ziehen könnte, wäre ich im Kopf einer anderen Person, da meine Gedanken die Gedanken dieser Person beeinflussen würden.
Ich kann nur Dinge aus dem Hefter lernen, die mit etwas verknüpft oder ableitbar sind. Ich komme mit Sprache vor allem deshalb nicht klar, weil ich nicht jeder Bedeutung einen Begriff zuordnen kann. Ich würde am liebsten nur in Stichpunkten kommunizieren. Ich habe nie versucht, an Papier zu riechen oder Buchrücken zu streicheln. Ich habe in einem Buch nur die Geschichte gesehen und finde E-Books nicht schlimm, im Gegenteil.
Ich bin eher Hintergrundmensch mit Mittelpunktsdrang, jedoch absolut überfordert, sollte ich mal im Rampenlicht stehen.
Ich ekel mich vor Maden und Bandwürmern und Nacktschnecken und habe Angst davor, jemanden zu enttäuschen oder zu verlieren, vor allem für immer.
Ich hätte vermutlich schon so vieles gemacht, hätte ich keine Angst vor dem Risiko, erwischt zu werden und schließlich meine Eltern zu enttäuschen. Ich hatte noch nie Heimweh, nur Fernweh. Meine Heimat besteht aus Menschen und Erinnerungen, nicht aus dem Ort. Ich finde, richtig und falsch sind zwei Wörter, mit denen man menschliche Handlungen nicht eindeutig bewerten kann. Ich habe noch nie jemanden geküsst und auch noch nie ein ernsthaftes Kompliment zu meinem Aussehen vom anderen Geschlecht bekommen. Ich glaube, dass noch nie jemand richtig auf mich stand.

Ich war früher strikt gegen Alkohol und Rauchen. Ich glaube, der Hauptgrund dafür war, dass mir meine Freunde zu schnell erwachsen wurden. Das war mit 13. Ich mag den Geschmack von Alkohol eher weniger, Rauchen lehne ich nur deshalb ab, weil mein Großvater an Lungenkrebs starb. Ich habe schon mal versucht zu kiffen, aber da ich noch nie rauchte, bin ich schon daran gescheitert. Ich war noch nie betrunken.
Ich habe erst mit 15 angefangen, mich zu schminken und immer wieder kurz aufgehört, derzeit laufe ich wieder ungeschminkt rum, weil ich es morgens zeitlich nicht schaffe und es mir eher gleichgültig ist, wie ich für andere aussehe. Ich lege jedenfalls derzeit keinen besonderen Wert darauf, tue es aber, wenn ich auf jemanden stehe. Das ist vermutlich auch logisch. Und eigentlich verdränge ich diesen Aussehenskram nur.
Ich wollte als Kind nie älter werden, mochte Geburtstage nur der Geschenke wegen. Ich hatte früher Unmengen von Kuscheltieren, die alle reichlich unkreative und falschgeschriebene Namen hatten (Weißbärry, Kleinbraunbärry, etc.), aber sie konnten sprechen und waren ziemlich lange sozusagen meine besten Freunde. Ich weigerte mich, ihnen ein eindeutiges Geschlecht zu geben und fand einen Kompromiss, indem ich ein neues Pronomen erschuf: är. Es hieß trotzdem immer „seins“.
Ich habe das Kaninchen einer Freundin versehentlich umgebracht. Ich hab mit selbiger Freundin einen Knetradiergummi geklaut. Ich habe eine Schulbank mit einem Smiley bekritzelt, den man wegradieren konnte, bekam einen Tadel und musste Schulbänke schrubben. Ich weinte, als die Lehrerin mich anschrie. Ich habe keine Ausdauer. Weder körperlich noch geistig. Ich hype gerne Dinge, missioniere sie, jedoch beschäftige ich mich nicht lange mit ihnen. Ich bin eigentlich ein ziemlich optimistischer Mensch. Ich verbrachte dreiviertel dieses Jahres öfter mit mehreren Stimmungstiefpunktphasen ohne Grund und hüte mich davor, sie Depressionen oder eher Burn-Out zu nennen, da ich mich nicht diagnostizieren ließ und das Gefühl habe, mich nur wichtig machen zu wollen.

Ich finde, dass „Ich liebe dich“ zu inflationär gebraucht wird, aber wiederum entscheidet jeder selbst, wie viel Bedeutung er diesen drei Wörtern zumuten will. Ich möchte die anderen nicht als Maßstab sehen, weiß jedoch nicht, wonach ich mich dann richten kann. Ich traue mich viel zu selten, meine Meinung allein zu vertreten. Ich handle oft unbewusst so, dass es darauf hinausläuft, mich überlegener zu fühlen. Ich möchte das eigentlich nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in Mobbingsituationen eingreifen würde. Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht. Ich kann ziemlich ausgrenzend sein. Ich kann nicht Menschen hassen.
Ich weiß meistens nicht, wie ich etwas finden soll, da ich keine Vergleiche dazu habe und mich erst an das, was die anderen sagen, richte. Ich bin – verglichen mit dem Durchschnitt – langsam. Ich gehe vieles langsam an, ich esse langsam, ich fahre langsam, ich reagiere langsam, mein ganzes Leben verläuft praktisch langsam. Und ich würde nichts daran ändern wollen, müssten die anderen nicht genervt auf mich warten.
Ich hasse Gruppenarbeit, Partnerarbeit, alles, was man zusammen mit mehr als null Personen machen muss. Ich habe Angst vor dem Aufprall, wenn mir etwas über den Kopf steigt und ich wieder auf den Boden der Tatsachen lande. Ich frage mich, ob ich eine getäuschte Realität als negativ empfinden würde. Ich werde oft überschätzt oder unterschätzt, aber ich weiß nicht, wann ich richtig eingeschätzt werde.
Ich kann nicht mit anderen im Rhythmus klatschen. Ich habe den meisten Jungen gestanden, dass ich auf sie stehe, obwohl ich von vornherein wusste, dass nichts daraus wird. Ich tat es, weil ich bemerkte, dass ich mich zu sehr reinsteigerte. Und einfach, weil ich nichts nach Plan haben wollte. Ich habe mich bisher nur in Illusionen verknallt.

Ich hasse Schulsport. Ich kann nicht gut kochen. Ich kann keine Baumarten bestimmen und möchte das auch nicht. Ich trug eine Zeit lang jeden Tag ein Notizbuch, mein Hausaufgabenheft und meinen Kalender mit mir rum und schrieb regelmäßig Tagebuch. In meinem Kalender ist ein Diagramm mit einer Stimmungskurve zu finden. Ich ordne meine Bücher nach Breite und dann nach Verlag und dann nach Farbe. Ich lege penibelst Ordner für alles am PC an, während mein Zimmer einer Messiwohnung gleicht. Ich gehe viel zu spät ins Bett und stehe viel zu früh wieder auf. Ich habe bis vor kurzem noch ständig Smileys hinter jedem Satz gesetzt. Ich habe eine Uhr im Zimmer, die 1 Stunde und 35 Minuten vorgeht. Ich besitze ein Autogramm von Angela Merkel. Ich besitze kein Autogramm von irgendeiner meiner Lieblingsbands. Ich war in diesem Jahr zum ersten Mal auf einem Konzert und auf einem Festival. Ich habe mal alle Erweiterungspack von Die Sims 2 besessen, aber nie das Grundspiel. Ich hatte eine Liste mit Dingen, die ich noch erlernen wollte. Ich habe nichts davon in dem gegebenen Zeitraum geschafft. Ich finde es nicht schlimm. Ich trage eine Brille, die ständig schmutzig ist und nicht richtig sitzt. Ich lache ganz laut und leicht hysterisch, wenn ich versuche jemandem aufzufallen. Ich weiß nicht, wie ich angemessen mit Worten auf Lob und Komplimente reagieren kann. Ich antworte dann nur mit „Danke.“ Ich esse Kekse und Schokolade gar nicht so oft und gar nicht so gerne. Ich hasse Minusgrade mit eiskaltem Gegenwind. Vor allem beim Fahrradfahren. Ich mag es Musik in den Ohren zu haben, wenn ich unterwegs bin. Ich mag auch Stille. Ich gehe nur zum Schlafen in mein Zimmer. Wenn wir in Aufsätzen Wörter zählen sollen, zähle ich nur bis 20 und rechne dann zusammen.  Ich mag Achterbahnen. Ich habe über 200 Blogs in meinem Google Reader abonniert und schaue mir fast täglich jeden einzelnen Post an. Ich habe mich nie gefragt, woher Babys kommen, sondern wurde einfach aufgeklärt. Ich weiß nicht, wie viel ich wiege und es ist mir gleichgültig. Ich glaube, ich werde nicht so etwas wie eine aufregende Jugend gehabt haben. Ich finde es okay, dass ich nicht von allem eine Ahnung habe. Aber ich würde es gerne öfter zugeben können.

Ich versuche mich ständig zu erklären und mache es dann nur noch verwirrender und wirke jedes Mal verzweifelt dabei. Ich möchte keine Konkurrenz sehen, habe jedoch keinen anderen Anreiz, um Herausforderungen anzunehmen und zu überwinden. Ich habe mal Klavier gespielt, nicht gut, nicht lange. Ich brachte mir, kurz nachdem ich den Unterricht kündigte, ein eigentlich simples Klavierstück bei, kriege es allerdings auch nach drei Jahren nicht bis zum Ende hin durchgespielt. Ich kann meinen Köper nicht koordinieren. Ich empfand diese depressionsähnlichen Phasen für kurze Momente als positiv, da ich mir dort urplötzlich Gedanken zu Dingen machte, die ich bisher nie beachtete. Ich denke, ich werde zu meiner sieben Monate alten Cousine erst in frühestens einem Jahr eine emotionale Bindung aufbauen können. Ich finde alte Menschen niedlicher als Babys. Ich möchte einmal Drogen nehmen, nur um zu wissen, wie man die Welt noch wahrnehmen kann.
Ich war bisher nur in Klassen, in denen es zu viele Mädchen und zu wenig Jungs gab und deshalb habe ich vermutlich ein leicht verzerrtes, zu optimistisches Bild von meinem, angenommen ich werde überhaupt eine haben, Karriereaufstieg. Oder meine Sozialkundelehrerin ist zu pessimistisch. Ich mag telefonieren nicht. Ich gehe selten zum Arzt, weil ich zu faul bin, mir Termine geben zu lassen. Ich habe meine letzte Gebärmutterhalskrebsimpfung vergessen. Das ist vier Jahre her. Ich komme immer zu spät. Ich kann mir vieles vorstellen, nur hätte ich nicht gewusst, dass zehn Liter viel zu wenig sind, um eine ganze Badewanne zu füllen. Ich war zehn Jahre in einem Kunstkurs, bei dem ich weniger zeichnen oder malen lernte, sondern mir zugehört wurde. Ich mag Betrunkene, weil man mit ihnen offen reden kann. Ich bin mit meiner momentanen Situation ziemlich zufrieden. Ich habe Freunde, über die ich mehr als nur froh bin und in glücklichen Momenten bei dem Gedanken an sie am liebsten aufspringen und tanzen würde. Ich habe keine beste Freundin und vermutlich werde ich auch nie eine haben. Ich halte gefühlstechnisch einen Platz für diesen einen ganz besonderen Menschen frei. Ich habe Angst davor, diesen Menschen nie zu finden.

Ich weiß trotz des Textes immer noch nicht, wer ich bin, aber immerhin bin ich für euch nun irgendwer.

1 Je nach dem, wie man Wirklichkeit definiert.

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2 Kommentare

  1. Liebe Trang,

    es freut mich, dass (unter anderen) mein Text Dich inspiriert hat. Es wird nicht das erste Mal sein, dass Dich jemand darauf hinweist, wie „reif“ Deine Schreibe und die dahinter steckenden Gedanken sind. Ich hab das gern gelesen und fühle mich, wie bei den anderen Folgeposts auch, geehrt, dabeigewesen zu sein.

    Danke dafür!

    Lilian

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