Freitag, Samstag und irgendwie geht es weiter

(Bessere Impressionen von diesem Tag auf Lauras Blog.)

Freitag. Spätnachmittag. Allein gefahren, dann verfahren, dann Google Maps, Weg wiedererkannt, weitergefahren. Angekommen. Hingesetzt. Erzählt. Einweggrill. Gegessen und getrunken. „leicht“ verkohlte Toastscheiben, Würstchen und ihre vegetarische Variante. Gelacht. Fotos gemacht. Zugeguckt, wie ein paar im Wasser waren. Gesehen, wie die Sonne hinter den Bäumen verschwand und gleichzeitig der Mond zum Vorschein kam. Barfuß durch den Sand gelaufen. Dann ganz vorsichtig, weil überall spitze, große Steine lagen. Die andere Decke ausgebreitet, weil keiner Platz machte. Wieder gegrillt. Wieder verkohlt. Knorrsoße schmeckt super. Irgendwann zu den kleinen Sandhügeln gelaufen. Diesmal in Schuhen. Hingesetzt. Steine auf kaputte Liegestühle geworfen. Manchmal getroffen. Ich kann nicht zielen. Erzählt. Über früher und heute nachgedacht. Leere Enteneier gefunden. Zurückgerufen worden. Die ersten gingen. Dann dieses Gruppenfoto. Ein wenig zu dunkel für diese Kamera. Viele Versuche. Viele verwackelt. Noch mehr Fotos. Noch dunkler. Noch mehr verwackelt. Noch mehr Versuche. Trotzdem brauchbares Material. Hingesetzt. Erzählt. Gelacht. Ziemlich dunkel. Heimweg. Verabschiedung. Vier von sechs Fahrradlampen, die funktionierten. Angetrunkene Freunde, die den Weg noch wussten, Fahrrad fahren konnten, dafür aber umso mehr Mist redeten. Trotzdem nach Hause gekommen. Trotzdem lustig. Trotzdem schön. Von weitem ein Feuerwerk hören. Rummel. Nicht mein Fall. Abgebogen, in der Einfahrt das Fahrrad abgestellt. Ins Haus gegangen. Fotos importiert. Ins Bett gefallen.

Auf längere Sätze wollte ich verzichten. So geht’s ja auch. (In Deutsch hätte ich dafür vermutlich schon eine 5 bekommen, aber wir sind ja nicht in der Schule)

Es wurde Samstag. An den ganzen Tag kann ich mich nicht mehr erinnern. Er ging schnell um. Ich verbrachte die Zeit mit Nichtstun, was unter anderem atmen, essen, lesen, im Internet irgendwas machen beinhaltete. Also tat ich doch etwas.
Dann war es abends. Eigentlich schon nachts. Ich war auf Facebook. Komische Statusmeldungen. Nichts direktes, fast schon normal. „Sind wohl nicht so gut drauf heute?“ Dann immer mehr. Irgendwas ist passiert. „Lena hat dir eine neue Nachricht geschrieben.“

Nichts. Stille. Keine Gedanken. Dann ein „WAS?!“. Mehr nicht.
Es war unerwartet.
„Unerwartet“ ist untertrieben. Es war mehr als nur ein „unerwartet“. Es war eher ein „WAS ZUM … WIE … DAS GEHT NICHT … HÄ … NEIN … ABER … WARUM ….“. Wieder keine Gedanken. Nur das Anstarren des Monitors. Keine Bewegung.

Realität.

„Heute ist er von uns gegangen“

Ich kannte ihn kaum. Nur flüchtig. Drei- oder zweimal erst gesehen. Kaum mit ihm gesprochen. Ich wusste, wer er war, woher ich ihn kannte, von wem und ich wusste, dass ich ihn bald kennen lernen würde.
Jetzt nicht mehr. Ich hatte mich geirrt.

Der Tag vorher ging mir immer und immer wieder durch den Kopf. Es ging nicht. Er konnte nicht … tot sein. Ich schaute mir die Bilder an. Es ging nicht. Er war nur auf einigen drauf, eher im Hintergrund, aber sichtbar genug, um ihn zu erkennen. Er war Teil des Bildes, Teil des Moments, in dem es aufgenommen wurde. Vor etwa mehr als 24 Stunden. Und jetzt sollte es ihn nicht mehr geben.
Ich begriff es nicht. Und irgendwie begreife ich es immer noch nicht ganz. Egal, wie oft ich es sage, egal, wie oft ich mit jemanden darüber rede oder andere darüber sprechen.
Ich kannte ihn nicht lange bzw. gut genug, um ihn quasi aus meinem Leben zu streichen, den Verlust, die Trauer, das Leid zu spüren, all das, was andere gerade durchmachen. Dafür waren diese Momente zu kurz.
Ich habe nicht geweint. Verspürte nicht diese Ungerechtigkeit, die man wohl eigentlich spüren sollte*. Daher kein Hass, keine Wut auf diese Welt. Ich nahm diese Tatsache so hin, wie sie war. Nicht achselzuckend, sondern kommentarlos. Schockiert (wobei das immer noch der falsche Ausdruck ist). Das war’s.

Ich hatte keine emotionale Bindung zu ihm. Ich ging an diesem Freitag davon aus, dass ich ihn eh noch kennen lernen würde. Irgendwie. Allein aufgrund der Tatsache, dass eine gute Freundin so gut wie mit ihm zusammen war und wir in nächster Zeit eh mehr miteinander zu tun hätten.
Aber es kam anders. So selbstverständlich sollte es nicht sein.

Die nächsten Stunden dachte ich an ihn, an „gestern“, wie plötzlich es war und wie nicht selbstverständlich die Dinge eigentlich sind, aber vor allem an meine Freunde. Sie waren es, die gerade litten und zu denen ich eine emotionale Bindung hatte. Und es waren anscheinend alle auf einmal. Ich wollte mir nicht ausmalen, wie schlecht es ihnen im gleichen Moment ging. Genauso fühlte ich mich schlecht, weil ich nicht wusste, wie man ihnen helfen konnte und ob man es jetzt sollte. Ob es Sinn hatte, sie zu fragen, wie es ihnen ginge und ob sie darüber reden wollten. Denn sehr wahrscheinlich redeten sie mit anderen darüber – wenn sie überhaupt darüber reden wollten.
Instinktiv sucht man bei solchen Situationen nach Worten, die trösten. Aber was brachte es? Zumindest jetzt, in diesem Moment? Wäre ich an ihrer Stelle gewesen, hätte ich gerne Ruhe gehabt. Oder es überhaupt erst mal realisieren wollen oder eher müssen. Wie viel Sinn hatten zu dieser Zeit die Wörter „nach vorne schauen“, wenn das einzige, was sie hören wollten, dass er wiederkommt? Es waren gerade mal wenige Stunden vergangen, nachdem sie es erfuhren.
Und ich kannte ihn nicht. Ich konnte mit ihnen nicht ihr Leid teilen, konnte nicht über ihn reden, ohne mir verdammt heuchlerisch vorzukommen. Konnte nur schweigen.
(Man sollte außerdem bedenken, dass es in der Nacht war und ich keine Möglichkeit hatte, irgendwen zu besuchen)

Am nächsten Tag war ich bei einer Freundin. Wir redeten kurz darüber. Sie hatte ihn mit als Letzte am Freitag gesehen. Hatte auch geweint. Dann redeten wir über alles mögliche, kamen nur immer wieder kurz auf das Thema zurück.
Irgendwann rief eine andere Freundin an. Wir gingen davon aus, dass sie es schon wusste. Sie fragte, was los war. Alles verwirrend, total überrumpelnd. Im Nachhinein nicht nachvollziehbar, weshalb wir es taten, aber ich wusste nicht, wie nah sie ihm stand. Wir hätten hingehen sollen, uns mit ihr treffen. Das ganze viel mir aber erst einen Tag später ein. (Und alle vorhandenen Alternativen schienen mir in dem Augenblick nicht alle besser… War trotzdem ein Fehler.)
Am Abend ein paar Vorwürfe zu hören bekommen. Hätte besser darauf reagieren sollen. Egal, ist passiert. Wir sind später eh nicht mehr darauf eingegangen.

Montag war still. Man spürte, dass etwas nicht in Ordnung war.
Ich fühlte mich jedes Mal schlecht, als ich lachte, besser drauf war, als die anderen. Ich wusste nicht, ob und wie man nun darüber reden sollte. Wenn wir es taten, dann eher oberflächlich. Sämtliche Gefühle blieben bei den anderen verborgen, man konnte sehen, dass es ihnen nicht gut ging, aber wie schlecht behielten sie die meiste Zeit für sich. Nur manchmal stieg es auf. Als wir mit einer Lehrerin darüber sprachen, weil die anderen keinen Nerv dazu hatten, für den morgigen Test zu lernen. Sie hatte vollstes Verständnis. Trotzdem kam es hoch. Und erst recht, als es um die Singkontrolle ging, bei der sie erst falsch verstanden wurden und es den Anschein erweckte, unserer Musiklehrerin wäre es völlig egal gewesen und sie hätten trotzdem singen müssen. Es klärte sich allerdings noch auf.

Und die ganze Zeit fühlte ich mich ignorant oder heuchlerisch. Einerseits, weil ich weniger darüber redete oder nicht „zeigte“, dass es mir schlecht ging, andererseits, weil es deswegen mir nicht schlecht ging. Natürlich dachte ich darüber nach, die ganze Zeit, aber noch mehr darüber, wie sie sich fühlten und ob man was machen konnte. Es ist ebenfalls ein scheiß Gefühl, nur daneben zu stehen, praktisch zuzuschauen und nicht helfen zu können, weil man nicht weiß, wie. Weil man dachte, sie brauchen erst mal nur sich selbst, jemanden, der das gleiche durchmacht wie und man selbst gehört schließlich nicht dazu. Man kann nur zuhören. Aber was sollten sie einem erzählen, wenn sie es anderen erzählten, die mit ihnen sogar noch darüber sprechen kann?

Das Schlimme ist noch, dass für einen selbst die Zeit einfach so weitergeht, während für die anderen die Zeit gestoppt wurde und gleichzeitig die Welt sich immer noch dreht.

Vielleicht erscheint es einigen respektlos, unmoralisch, nicht den gesellschaftlichen Maximen untergeordnet, was ich schrieb, dass ich es schrieb und dass ich es auch noch veröffentliche. Vielleicht sollte man es nicht, weil niemand, der nicht damit betroffen ist, es lesen will oder weil es „euch“ eigentlich nichts angeht. Aber warum sollte ich mich trotzdem dran halten? (Den Text las ich übrigens kein zweites Mal durch und daher kann es passieren, dass Wörter fehlen, Tippfehler drin sind und ich erst in den nächsten Tagen das hier ausbessere)

*Und – auch wenn ich diese Ungerechtigkeit nicht verspürte, was mir auch erst Stunden später auffiel – ist es immer noch schlimm, dass er so jung gestorben ist.

3 Kommentare

  1. Pingback: anoe Photography

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